
“Christa Ruland” wurde 1902 veröffentlicht und ist ein Klassiker der deutschen feministischen Literatur. Über das Buch wurde schon vieles geschrieben, z.B. hier, hier oder hier.
Christa Ruland ist eine junge Frau, die um die Wende zwischen 19. und 20. Jahrhunderts in Berlin lebt. Sie ist Tochter einer gehobeneren Familie und braucht sich keine existentiellen Ängste zu machen. Aber sie lebt auch nicht ihr eigenes Leben, denn das, was sie für sich will, wird von anderen blockiert. So will sie z.B. Gymnasialkurse nehmen, aber das passt ihrer Mutter nicht, weil die Kurse zur Zeit des Abendbrotes stattfinden und sie nicht für Christa nachdecken lassen will. Überhaupt – der Mutter Ziel ist, Christa gut in einer Ehe unterzubringen und ihrer Meinung nach braucht eine Frau keinen Beruf, sondern einen Mann und Versorger. Christa lernt Adrian von Lützow kennen, Spross eines Adelsgeschlechts. Er fragt gar nicht, ob sie seine Frau werden möchte, sondern beschließt, mit Unterstützung der Familie Christas, einfach die Hochzeit. Da Christa ihn liebt, lässt sie es auch ohne Widerstand mit sich geschehen. Als Christa aber dann den Wunsch hat, zu studieren, verhindert Adrian das.
Diese Steine, die andere ihr in den Weg legen, sind nicht vom Bösen motiviert. Ihre Familie, Adrian, Freunde – sie alle lieben Christa und wollen das Beste für sie. Aber alle, auch Christa, sind gefangen in tradierten Rollen, die kaum hinterfragt werden. So heißt es einmal:
Es ist ein Zwiespalt in uns Werdenden zwischen dem Altererbten und dem Neuerrungenen. Was seit so vielen Generationen Recht und Brauch war, hat sich unserer Gesinnung einverleibt, es ist beinah Instinkt bei uns geworden. Wir haben noch die Nerven der alten Generation und die Intelligenz und den Willen der neuen. All die alten Anschauungen und Vorurteile, sie heften sich an unsere Sohlen, eine Art sanfter Furien oder Medusen, die unser Wollen zwar nicht versteinern, aber doch lähmen. Mit einem Wort: wir sind Uebergangsgeschöpfe.
und
Sie erkannte, daß wir ein Zwangsleben führen, daß wir in traditionellen Dogmen eingeklammert, aus längst vermoderten Gehirnen heraus denken und fühlen – Leichenideen.
Christa kommt also ziemlich fremdbestimmt vor, aber man hat oft auch den Eindruck, dass sie nicht weiss, was sie eigentlich für sich selbst will. Einerseits bewundert sie ihre Freundin, Maria Hill, die in der Schweiz Chemie studiert hat, möchte auch studieren und kann es nicht, anderseits hat sie keinerlei materiellen oder finanziellen Sorgen, da sie von den Männern ihres Lebens (der Vater, der Ehemann, der Freund) versorgt wird und auch mit der Versorgung rechnet (z.B. als sie sich einen Schal kauft). Einerseits wünscht sie sich die Freiheit, das Recht selbstbestimmt zu leben, anderseits aber geht sie den damit einhergehenden Pflichten aus dem Weg und bleibt so, wenn es ihr passt, weiter abhängig von anderen. Sie ist also weder Fisch noch Fleisch.
Hedwig Dohm schrieb eine Geschichte über eine Wende, die Frauen zu sehr Zeit erfuhren. Am Beispiel ihrer Freundinnen sehen wir, dass es die neuen Frauen, die ihr eigenes Ding machen wollten, bereits gab – aber wir sehen auch, wie sie von Männern (und Frauen), die mit den neuen Frauen nicht viel anfangen können, gebremst werden. Aber auch die “Verhinderer” entwickeln sich weiter: Als Adrian sich in Maria verliebt, hilft er ihr in ihrem beruflichen Weiterkommen, ja, er selbst emanzipiert sich auch von den Plänen und Wünschen seiner Familie, die für ihn eine diplomatische Laufbahn aber kein naturwissenschaftliches Studium vorsah.
Die Frage, ob dieses Buch für unsere Zeit, in der es selbstverständlich ist, dass Frauen studieren und einen Beruf ausüben, überhaupt noch relevant ist, erübrigt sich. Trotz allen Fortschritts sind wir noch nicht am Ziel angekommen, das Denken über Frauen damals ist auch heute noch in vielen Köpfen. Christa sucht für sich Freiheit und auch wir suchen heute noch danach. Vielleicht sind wir ein gutes Stück weiter gekommen, aber wir sind noch nicht am Ziel. Deshalb ist das Buch immer noch lesenswert.
Ich gebe dem Buch dreieinhalb Sterne.

Meine kostenlose EBook-Version (von Amazon) basierte auf die Ausgabe von 1902. Manchmal ist es für uns, die zwei Rechtschreibreformen weiter sind, befremdlich, ein Buch in dieser Orthografie zu lesen. Aber man gewöhnt sich sehr schnell an die alte Rechtschreibung. Natürlich kann man sich auch das Buch in einer modernen Fassung kaufen:
Amazon-Link: