Coming Out to Truth – Matthäus 19
Ehescheidung
Die Verse über Ehe und Ehescheidung werden oft, in Verbindung mit den Versen aus 1 Mose 1 und 1 Mose 9 gebraucht um gegen lesbische und schwule Beziehungen zu argumentieren.
Zu dem Kontext: Wir dürfen nicht vergessen, dass Israel eine streng patriarchalische Gemeinschaft war. Eheschliessung war ein Besitzkontrakt. Auch war es wichtig, viele Kinder zu haben, denn durch Nachfahren blieb der Name, die Familie erhalten – man hatte ein bisschen Unsterblichkeit, wenn man Kinder hatte. Kinder galten als Zeichen für den Segen Gottes und kinderlose Ehepaare hatten zu leiden, denn sie waren – in den Augen der Gesellschaft – unter einem Fluch.
Dieses Denken, dass Ehe und Kinder wichtig sind und dass man, wenn man verheiratet ist und Kinder hat “besser” ist als die, die unverheiratet und kinderlos sind, ist in einigen christlichen Gemeinden auch heute noch weit vertreten. Man sagt, dass eine Frau erst dann ihren Sinn im Leben erfüllt, wenn sie einen Mann und soviel wie möglich Kinder hat. Dieses Denken ist auch oft ein Grund, warum Homosexualität verdammt wird. Eine Frau, die in einer Beziehung mit einer anderen Frau lebt, erfüllt die Theologie dieser Christen nicht – es gibt keinen Mann, der das Haupt dieser Frau ist. Und lesbische oder schwule Paare können nicht ohne weiteres Kinder haben, sie pflanzen sich nicht fort und erfüllen so nicht Gottes Auftrag fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Diese Ansicht wird z.B. wie folgt in einem anti-lesbischen Roman ausgedrückt:
[Die Tante von Alwynne spricht mit deren Freundin, Clare:] When her youth is over, what is the average single woman? A derelict, drifting aimlessly on the high seas of life. [...] We both know that an unmated woman – she’s unfulfilled [...] Don’t you realize that when you keep Alwynne entangled in your apron strings, blind to other interest, when you cram her with poetry and emotional literature, when you allow her to attach yourself passionately to you, you are feeding, and at the same time deflecting from its natural channel, the strongest impulse of her life – of any girl’s life? Alwynne needs a good concrete husband to love, not a fantastic ideal that she calls friendship and clothes in your face and figure.
(Regiment of women / Clemence Dane)
Entspricht diese Philosophie der Wahrheit der Bibel? Muss eine Frau mit einem Mann verheiratet sein um ein sinnerfülltes und fruchtbares Leben zu führen? Braucht eine Frau ein Haupt, das über sie steht (so als ob eine unverheiratete Frau kopflos sei)? Und ist Gottes einziges Ziel mit der Ehe wirklich das Erzeugen von Kindern?
Matthäus 19:4-6
Er [Jesus] aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Weib schuf und sprach: “Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und es werden die zwei ein Fleisch sein,” – so dass sie nicht mehr zwei sind, sondern ein Fleisch? Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Jesus zitiert hier 1 Mose 1:27 und 2 Mose 2:24:
1 Mose 1:27+28
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach den Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen.
Hier ist der Grund für die Ehe das Zeugen von Kindern. In diesem Kontext müssen wir uns folgendes fragen: Ist die Erde nicht schon überfüllt? Erfüllen wir denn die andere Aufgabe die uns in demselben Vers gegeben ist, nämlich über die Erde zu herrschen, indem wir sie überfüllen? Durch Übervölkerung wird die Erde eher vernichtet und abgebrochen als beherrscht und aufgebaut.
1 Mose 2:18+24
Und Gott, der HERR , sprach: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.
Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden.
Hier wird ein weiterer Grund für die Ehe gegeben: Eva wurde geschaffen um Adams Einsamkeit zu heilen. Der Grund für “ein Fleisch werden” ist um Einsamkeit zu entfernen, nicht wegen dem Unterschied in menschlicher Sexualität.
Wie interpretieren Bibelkenner diese Verse?
Strack und Billerbeck (1969) meinen, dass der erste Mensch männlich und weiblich war und erst später getrennt wurde. Nur Mann und Frau zusammen ergeben die Fülle, die “Mensch” ausmacht. In der Ehe fügt Gott Mann und Frau zusammen.
Die katholische Kirche (1986) sagt zu diesen Versen, dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf – nach seinem Bild – und dass die beiden Geschlechter sich einander ergänzen. Diese Ergänzung wiederspiegelt die innere Einheit des Schöpfers. Dieses Bild Gottes wird durch die Sünde der Homosexualität verdorben.
Filson (1971) meint dass die Ehe eine Einheit sei. Mann und Frau sind nicht mehr getrennte Individuen, sondern ein Fleisch, eine neue Schöpfung.
Tasker (1961) hat dieselben Gedanken:
Jesus reminds them of the truth known to every reader of Scripture that the purpose of the creation of two sexes was the solidarity, the continuance and the happiness of the human race might have at its foundation the physical union of man and woman. Such union is an essential part of the Creator’s plan, and attempts to thwart it, either by indulging in promiscous sexual intercourse, or by asceticism and enforced celibacy, or by unnatural vice, or by attempts to break up marriages where the unity that God has in mind is being realized, are all contrary to the divine will.
Aber eines dürfen wir bei der Interpretation dieser Bibelstelle nicht vergessen. Es geht um die Frage “Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder beliebigen Ursache seine Frau zu entlassen?” (Matt. 19:3b). Es geht nicht um Homosexualität versus Heterosexualität, sondern um Ehescheidung. In Matt 19 beantwortet Jesus eine Frage die spezifisch über Mann und Frau geht. Er verbindet 1 Mose 1:27, wo es über menschliche Vermehrung geht mit 1 Mose 2:24, wo es über Einsamkeit geht. “Und sprach” heisst nicht, dass das eine aus dem anderen folgt, dass also “ein Fleisch werden” nur funktioniert, wenn es im Prozess menschlicher Fortpflanzung geschieht. Diese Phrase leitet nur das zweite Zitat aus dem Alten Testament ein. Jesus spricht hier nur über die Beziehung zwischen einem Ehepaar. Er redet nicht von anderen Beziehungen. Jesus versucht die Meinung seiner Zuhörer zu ändern, dass es sich bei einer Ehe um einen Besitzkontrakt handelt und will ihnen klarmachen, dass es sich bei einer Ehe um Gemeinschaft geht.
Es ist nicht ausreichend die menschliche Sexualität nur in ihrer Fortpflanzungsfunktion zu sehen. Sie ist auch dazu da Gefühle auszudrücken, die sich in Worten nicht mehr fassen lassen und sie dient der eigenen Lust und der Beglückung anderer.
(Aus einem Coming-outbrief zitiert von Andreas Frank)
Jesus sagt also nicht, dass heterosexuelle Beziehungen der einzige Norm sind, sondern er sagt, dass heterosexuelle Beziehungen auch eine Form von Gemeinschaft sein können. Wir haben jede Menge Beispiele in der Natur, die von dem Norm abweichen, aber wir nennen sie nicht Sünde. Manche Menschen sind Albinos, manche sind steril, manche sind Bluter, manche sind linkshändig. Es gab eine Zeit, in der diese Abweichungen als Resultat von Sünde gesehen wurden (z.B. die Geschichte in der Bibel, von dem Blind geborenen – Joh. 9). Aber das wird heute nicht mehr getan. Homosexualität ist auch eine solche Abweichung vom Norm. Ist sie darum Sünde? Wir dürfen das Wort “normal” nicht mit dem Wort “normativ” verwechseln.
Single-sein
Dann wird das, was Jesus in Matthäus 19:9-12 sagt auch als Argument gegen Homosexualität gebraucht.
Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau verlassen wird, ausser wegen Hurerei und eine andere heiraten wird, Ehebruch betreiben wird; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch. Seine Jünger sagen zu ihm: Wenn die Sache eines Mannes mit der Frau so steht, so ist es nicht ratsam zu heiraten. Er aber sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern denen, denen es gegeben ist; denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es fassen kann, der fasse es.
Diese Verse sind ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass zu biblischen Zeiten jeder Mann die Pflicht hatte zu heiraten. So sagt Smith (1989): “Marriage and begetting children were almost universally regarded as a religious obligation. … In general celibacy was regarded as disobedience to the divine commandment to be fruitful and multiply.”
Wer darf single bleiben? Jesus redet hier von “Verschnittenen” oder Eunuchen, von Menschen, die unfähig sind eine heterosexuelle Ehe zu führen. Dafür nennt er drei Gründe:
- sie sind so geboren
- sie wurden von Menschen zu Eunuchen gemacht (z.B. kastriert)
- sie wählen unverheiratet zu bleiben um des Königreiches Gottes willen
Sind Schwule und Lesben Eunuchen? Man könnte das Argument machen, dass Schwule und Lesben zu der ersten Gruppe gehören. Sie sind unfähig zu einer heterosexuellen Ehe geboren.
Eunuchen spielten eine wichtige Rolle im politischen Geschehen des Mittleren Ostens zu biblischen Zeiten. Daniel zum Beispiel, war ein Eunuch am Hofe Nebukadnezars. Nach dem mosaischen Gesetz (5 Mose 23:1) hätte er aus der Gemeinschaft Israels ausgestossen werden müssen. Wie aber nennt ihn die Bibel? “Du vielgeliebter Mann, du Mann der Kostbarkeiten” (Dan. 10:11; 19). Manche meinen, dass Daniel eine schwule Beziehung mit dem Obersten der Hofbeamten hatte. Er fand “Gnade und Erbarmen” (das Wort könnte auch mit “Liebe” übersetzt werden) von Aschpenas (Dan. 1:9).
Wir müssen uns klar sein, dass “Eunuch/Verschnittener” kein Synonym ist für “Homosexueller”. Allerdings hat man festgestellt, dass Eunuchen oft schwul waren. Eunuchen, die den Harems vorstanden mussten emotionell und psychologisch schwul sein, sonst hätte man sie nicht mit dieser Aufgabe vertrauen können.
Da Eunuchen unfähig waren Kinder zu haben, wurden sie aus dem Volk Israel ausgestossen. Der äthiopische Eunuch, dem Philippus begegnete (Apostelgeschichte 8 ) las Jesaja 53:1-8 wo unter anderem über den Messias gesagt wird (Vers 8):
Aus Drangsal und Gericht wurde er hinweggenommen. Und wer wird über sein Geschlecht nachsinnen? Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Wegen des Vergehens seines Volkes hat ihn Strafe getroffen.
Jesus, der Messias, hatte keine Nachfahren. Er war also Eunuch. Eunuchen, die Gott wohlgefallen wollen und seinen Bund halten wollen haben allerdings ein wunderbares Versprechen:
Jesaja 56:1-5
So spricht der HERR: Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit! Denn mein Heil ist nahe, dass es kommt, und meine Gerechtigkeit, dass sie geoffenbart wird. Glücklich der Mensch, der dies tut, und das Menschenkind, das daran festhält: der den Sabbat bewahrt, ihn nicht zu entweihen, und seine Hand davor bewahrt, irgend etwas Böses zu tun. Und der Sohn der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Der HERR wird mich sicher von seinem Volk ausschliessen. Und der Verschnittene sage nicht: Sieh, ich bin ein dürrer Baum! Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate bewahren und das erwählen, woran ich Gefallen habe, und festhalten an meinem Bund, denen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern einen Platz und einen Namen, besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht ausgelöscht werden soll.
Der äthiopische Eunuch von Apg. 8 fand dies bestätigt. Philippus taufte ihn und er wurde in der Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen.
Menschen, die nicht zu einer heterosexuellen Ehe fähig sind werden keineswegs aus dem Königreich Gottes ausgeschlossen. Leider werden sie zu oft aus unseren Gemeinden ausgestossen.
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22. Mai 1998

