Coming Out to Truth – Römer 1
Der wohl ernsthafteste der sogenannte anti-gay Texte im Neuen Testament ist
Römer 1:26-28
Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst.
Dies ist übrigens die einzige Passage in der Bibel wo von lesbischen Sex die Rede ist.
Dieser Vers wird von den verschiedenen christlichen Denominationen verschieden interpretiert:
Die katholische Kirche (1986) meint, dass Homosexualität ein Beispiel ist für die Blindheit welche über die Menschen kam.
Die lutherische Kirche sagt 1993 in einem Dokument über Homosexualität, dass Paulus in Römer 1 Abgötterei mit sexueller Unmoral verbindet. Paulus spricht sich hier gegen eine unnatürliche sexuelle Beziehung aus, eine Beziehung in der es nicht um Liebe und Hingabe geht, sondern um egoistische Lustbefriedigung. Paulus redet von Menschen, die Abgötterei betrieben, nicht von Christen. Er gibt in der modernen Kirche keine Antworten auf die Frage um homosexuelle Christen.
Die Schlüsselaspekte dieser Verse ist: Lust, Unnatürlichkeit und Gott nicht anerkennen.
Erstmal müssen wir den Kontext verstehen. Der weitere Kontext dieser Verse ist Römer Kapitel 1 bis 3. Diese können etwa wie folgt zusammengefasst werden:
- Das Evangelium ist für jeden – Juden und Nicht-Juden (Kapitel 1:16) Warum? Denn Gott ist gegen alle Ungerechtigkeit (1:18).
- Die Nicht-Juden brauchen das Evangelium (1:28-32). Ein Beispiel ihrer Unreinheit ist Götzenanbeterei, welche homosexuelle Handlungen einschliessen könnten.
- Die Juden sind genauso ungerecht wie die Nicht-Juden (2:3)
- Alle haben gesündigt und wurden umsonst gerechtfertigt durch die Gnade (unverdiente Liebe) Gottes durch die Erlösung, die in Jesus Christus ist (3:23)
Mehr spezifisch, im 1. Kapitel ist nicht von Christen die Rede, sondern von Menschen, die sich gegen Gott entscheiden und das Geschöpf anstatt des Schöpfers anbeten. Diese Menschen, von denen Paulus hier redet, haben folgende Kennzeichen:
- Sie haben die Erkenntnis Gottes verworfen (Verse 19+20)
- Sie haben Gott nicht verherrlicht und ihre Gedanken wurden darum zur Torheit und ihr Herz wurde verfinstert (Vers 21)
- Sie haben die Herrlichkeit Gottes mit einem Götzenbild vertauscht (Verse 22+23)
- Gott hat sie dahingegeben, so dass sie ihre Leiber mit ihren Begierden schänden (Vers 24)
- Sie glauben Lügen und dienen somit geschaffenen Dingen und nicht dem Schöpfer (Vers 25)
- Sie haben ihre “natürliche” Sexualität mit einer “unnatürlichen” Sexualität ausgetauscht (Verse 26 + 27)
- Sie haben einen verworfenen Sinn und befürworten ungezügelte Gesetzlosigkeit (Verse 28-32)
Ich glaube, dass hier von schwulen oder lesbischen Geschlechtsverkehr als Teil des Götzendienstes die Rede ist, nicht von schwulen oder lesbischen Sex als Teil einer liebenden, fürsorglichen und zärtlichen Beziehung zweier Christen, wo es bei Sex nicht um Lust geht, sondern um Liebe. Vielleicht haben einige Lesben oder Schwule diese Kennzeichen, aber sind alle Lesben und Schwule so und darf deswegen jeder Homosexuelle verurteilt und verdammt werden?
Paulus schrieb den Brief an die Römer wahrscheinlich in Korinth. Korinth war in der antiken Welt bekannt für seine Promiskuität. Tempelorgien waren an der Tagesordnung. Paulus bringt diese Gebräuche in Verbindung mit den alttestamentlichen Gesetzen gegen Tempelprostitution und will die Römer vor der Teilnahme an Tempelorgien warnen. Bevor sie Christen wurden, hatten sie vielleicht an den Fruchtbarkeitskulten teilgenommen. Nun, als Christen, sollen sie nicht mehr Abgötterei betreiben.
In Römer 1:28-31 heisst es:
Und wie sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht geziemt: erfüllt mit aller Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mord, Streit, List, Tücke; Ohrenbläser, Verleumder, Gottverhasste, Gewalttäter, Hochmütige, Prahler, Erfinder böser Dinge, den Eltern Ungehorsame, Unverständige, Treulose, ohne natürliche Liebe, Unbarmherzige.
Dieser Satz kann verschieden interpretiert werden:
- Da Lesben und Schwule Gott nicht in der Erkenntnis festhielten, hat er sie in einen verworfenen Sinn dahingegeben.
- Da die Nicht-Juden Götzen anbeteten, hat sie Gott in einen verworfenen Sinn der Homosexualität dahingegeben.
- Die Nicht-Juden haben Gott nicht in der Erkenntnis festgehalten und darum hat Gott ihnen einen verworfenen Sinn gegeben. Dieser verworfene Sinn ist nicht Homosexualität, sondern das, was in Vers 29ff aufgezeichnet wird. In der deutschen Übersetzung steht ein Doppelpunkt zwischen Vers 28 und 29. Die Liste der Taten in Verse 29-31 beschreibt alle Nicht-Juden, nicht nur lesbische oder schwule Nicht-Juden. Daher ist diese dritte Interpretation der Verse wohl die richtige.
In Römer 14:14 sagt Paulus dann:
Ich weiss und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selbst gemein [oder unrein] ist; nur dem, der etwas für gemein achtet, dem ist es gemein.
Noch ein paar Gedanken zu dem Wort “natürlich”:
In Römer 1 spricht Paulus von Menschen, die den natürlichen Verkehr zu einem andersgeschlechtlichen Partner verlassen haben. Was meint Paulus mit “natürlich”? Die original griechischen Worte die hier für “natürlich” und “unnatürlich” übersetzt wurden waren “physin” und “paraphysin”. Wir interpretieren das Wort oft als “den Naturgesetzen entsprechend” (also universell gültig) und meinen dann, dass Homosexualität den Naturgesetzen nicht entspricht. Aber diese Interpretation konnte es zu Paulus Zeiten nicht gegeben haben, denn von Naturgesetzen spricht man erst in den letzten paar Jahrhunderten. Auch wurden homosexuelle Taten in der griechischen Kultur von vielen als ganz natürlich gesehen. Man kann das Wort auch anders interpretieren, nämlich als “der Natur/dem Charakter des einzelnen Menschen entsprechend”.
In 1 Korinther 11:14 gebraucht Paulus auch das Wort “physin”:
Oder lehrt euch nicht selbst die Natur [physin], dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist?
Hier kann man das Wort also auch mit “Tradition” oder “Brauch” übersetzen. Kein Naturgesetz lehrt, dass langes Haar bei einem Mann eine Schande für ihn ist.
Das Wort “paraphysin” wird auch in Römer 11:24 gebraucht:
Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und gegen die Natur (paraphysin) in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden.
Hier ist davon die Rede, dass Gott in einer uncharakteristischen Art die Nicht-Juden akzeptiert hat. Da Gott hier “unnatürlich” auftritt, kann es sich bei “Unnatürlichkeit” nicht um Sünde handeln. Das Wort hat nichts mit Moral zu tun.
“Para” heisst nicht “gegen” (kata-) sondern “mehr”, “darüber hinaus.” Das Wort Para-physin heisst eher “über dem Allgemeinen oder Gewöhnlichen hinaus.” Für einen heterosexuellen Menschen ist es natürlich mit einem andersgeschlechtlichen Menschen sexuellen Umgang zu haben. Es ist widernatürlich für einen Schwulen oder einer Lesbe Sex mit einem andersgeschlechtlichen Menschen zu haben.
Paulus redet also hier von Menschen, die in einer heterosexuellen Beziehung zu jemanden leben und, die als Teil von Götzendienst lesbischen oder schwulen Sex haben. Für heterosexuelle Menschen ist es nicht natürlich homosexuelle Lust zu haben. Er spricht nicht von Lesben oder Schwulen, die in einer monogamen Beziehung miteinander leben. Es gibt einen Unterschied zwischen Heterosexuellen, die auch schwulen oder lesbischen Sex haben und Lesben bzw. Schwule.
So outrageous a thing to be doing, and yet the most natural thing in the world. …
I was already used to seeing my body next to one of another kind, one of different structure and texture and feel. But seeing us, two of the same, thigh to thigh, stomach to stomach, breast to breast, I couldn’t get over the unusualness of it. I liked seeing her female shape next to mine. It seemed … more appropriate.
(Mercy / David Lindsey)
Selbst wenn Paulus Homosexualität als Sünde gesehen hat, müssen wir uns fragen, ob diese Ansicht von Gott kommt, oder ob sie Teil ist seiner Kultur. Wir nehmen keinesfalls alles, was Paulus sagt als von Gott. Das oben genannte Beispiel von Männern mit langen Haaren ist ein solcher Fall. Er selbst gibt es manchmal zu, dass was er sagt seine eigene persönliche Ansicht ist, wie z.B. in 1 Korinther 7:25, wo er von Ehe spricht.
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22. Mai 1998

