Coming Out to Truth – Coming-out
Warum ist das Coming-out so wichtig für Lesben und Schwule? Niemand macht eine große Sache davon, wenn man heterosexuell ist, aber für Lesben und Schwule ist es ein Schlüsselerlebnis. Warum?
Coming-out als Kampf gegen Homophobie:
Ich bin viele Dinge. Ich bin blauäugig. Ich bin blond. Ich bin Frau. Ich bin Tochter. Ich bin Schwester. Ich bin Tante. Ich bin Bibliothekarin. Ich bin Christ. Ich bin lesbisch. Die Tatsache, dass ich lesbisch bin, keine soooo wichtige Tatsache in meinem Leben. Mein Leben dreht sich nicht um meine Sexualität. Ich habe auch andere Interessen. Ich verbringe viele Stunden, an denen ich gar nicht über meine Sexualität nachdenke. Und so wie mir geht es den meisten Lesben und Schwulen. Die Homosexualität ist nicht das zentrale Thema unseres Lebens. Aber es wird von anderen wichtig gemacht.
My preference for women as sexual partners is a private thing, as all sexual interactions should be. It doesn’t dictate my politics or my religion or my morals. It doesn’t run my life. It’s only part of it, like my race or my job or my age or my height. Actually, if I weren’t compelled to play an absurd game of charades to assure non-prejudical treatment, the issue of my sexual preference would drop way down on the scale of importance in my life. It shouldn’t be a big deal. There are other values of moral concern that are more important.
(Aus: Mercy / David Lindsey)
Unsere Homosexualität wird von Menschen, die nicht wissen, worum es sich dabei eigentlich handelt, wichtig gemacht. Man will das nicht akzeptieren, dass es Menschen gibt, die schwul oder lesbisch sind. Man ist geschockt. Man wird sehr verbal, sehr böse. Man hasst uns.
Can you imagine walking around with a psychological hump on your back the size of another person? That’s what it’s like, you know, being bisexual or lesbian. You’r e not really allowed to be an honest person, not if you want a shot at the mainstram way of life. You have to hide half of what you’re all about if you want your talents and abilities to be taken at face value. Otherwise, you have to carry that hump around on your back and you soon realize that, for all practical purposes, the hump is all that people see.
(Aus: Mercy / David Lindsey)
Ich leide nicht darunter, dass ich schwul bin. Es ist meine Chance zu lieben und glücklich zu werden. Schwer machen es mir die Mitmenschen, die sich unnötig durch mich verunsichert fühlen.
(Aus einem Coming-outbrief)
Dagegen müssen wir uns wehren. Wir wollen als normal akzeptiert werden denn wir sind normal. Wir wollen uns erklären. Und darum gibt es ein Coming-out. Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss weitergehen und zur Anerkennung führen. Goethe sagte in seinen Maximen und Reflexionen: “Dulden heißt beleidigen.”
Nicht nur die Annahme der Lesbe mit ihren Empfindungen und ihrer sexuellen Orientierung ist ein wichtiger Prozess, sondern auch die darauf aufbauende Anerkennung und Gutachtens des Verhaltens einer auszuformenden Lebensweise in der gleichgeschlechtlichen Beziehung.
(Engagierte Zärtlichkeit / Andreas Frank)
Coming-out heißt mit guten Beispiel voran gehen. Es war für mich relativ einfach mir selber bewusst zu werden wer ich bin und dazu zu stehen. Der Grund dafür war, dass ich nicht die erste war. Und mein Coming-out macht es anderen nach mir auch einfacher die Wahrheit über sich selbst zu erkennen und dazu zu stehen.
Ich glaube, dass die Lesben und Schwulen sich gemeinsam mehr zu ihrer Neigung bekennen müssen und sich nicht verstecken dürfen. Sonst sind sie selbst verantwortlich, wenn sie immer im Verborgenen leben.
(Engagierte Zärtlichkeit / Andreas Frank)
In allen Lebensbereichen verhalten sich Menschen wie folgt: Was vertraut ist, was man versteht, was so ist wie man selbst wird akzeptiert. Alles was fremd ist wird gefürchtet – weil es einen selbst in Frage stellen könnte. Darum wird Fremdes oft verdrängt oder verstoßen. Jeder Mensch hat Angst vor Veränderung weil Veränderung Fremdes mit sich bringt. Homophobie ist eine solche Angst. Ängste lösen Abwehrmechanismen aus wie Tabusierung und Schweigen.
Andreas Frank sagt über Homophobie:
“Homophobie ist ein Ableger der Xenophobie, d.h. der gesteigerten Furcht vor allem, was anders, fremd oder nicht der Ordnung entsprechend (= wild) ist. Solange die gleichgeschlechtliche Liebe von Teilen der Gesellschaft als etwas Fremdes oder Anderes angesehen wird, werden wir immer wieder mit manifesten und latenten Erscheinungen der Homophobie zu tun haben.”
und nennt zwei Arten von Homophobie: externe und interne Homophobie.
Externe Homophobie ist die Angst und Ablehnung, die andere Menschen vor Homosexualität haben. Homophobie beruht oft auf Unwissenheit und übertriebenen falschen Vorstellungen über Homosexualität. Das Coming-out bedeutet externe Homophobie zu konfrontieren, ist aber zugleich die beste Art sie abzubauen. Oft erkennen homophobe Menschen wenn sie einen Homosexuellen näher kennenlernen, dass sie falsch denken.
Interne Homophobie ist Angst und Ablehnung die man selbst vor der eigenen Homosexualität hat und die Angst vor der Ablehnung anderer Menschen. Beim lesbischen oder schwulen Coming-out muss man mit dieser Angst und Ablehnung der anderen rechnen und damit, dass es sich in Angst und Ablehnung nicht nur der Homosexualität, sondern auch des Schwulen oder der Lesbe auswirkt. Interne Homophobie ist sehr subtil und wird oft von bekenneneden Schwulen oder Lesben nicht ganz überwältigt. Zum Beispiel ist es normal für heterosexuelle Paare Hand in Hand in der Öffentlichkeit zu gehen. Für schwule oder lesbische Paare ist es nicht normal, weil sie Angst haben, was die Öffentlichkeit dazu sagen wird.
Coming-out um ein Leben der Integrität zu leben:
Wenn man die Bibel liest, lernt man, dass Gott sehr viel wert auf Wahrheit legt und Lügen verabscheut. Das ist es, worum es im Coming-out letztendlich geht: Wahrheit. Man bekennt sich selbst die Wahrheit und man bekennt sie der Welt.
Viele Menschen sind lesbisch oder schwul und wollen es nicht wahrhaben weil die Gemeinschaft es nicht wahrhaben will. Man unterdrückt es. Man lügt sich selbst an. Dann, wenn man Klarheit über sich selbst bekommt, es durcharbeitet, wenn Wahrheit ins Leben kommt, dann ist man plötzlich viel freier. Und das ist genau das Gefühl das ich hatte, als ich die Wahrheit über diesen Aspekt meines Lebens erkannte: Freiheit. Plötzlich fielen Lasten weg. Ich brauchte mir selber nicht mehr unrealistische Erwartungen stellen. Ich wusste plötzlich wie ich bin, und konnte dementsprechend anfangen zu denken und zu leben. Es ist so viel einfacher in Wahrheit zu leben, als in Lüge.
Das folgende Gedicht drückt aus, wie wichtig Wahrheit an sich ist:
At each and every moment
in our lives
We do one of two things.
Either we tell the Truth
all the time
all the way.
Or we do something else.
This something else,
no matter how neatly disguised
is called
lying.
And the better the reasons
we have for our lies,
the more firmly we remain
in their grip,
and the more dearly we pay
the cost
of grounding our lives
on anything else but
the Truth.
(Roy Whitten)
Man kann lügen indem man nichts sagt, sondern still bleibt. Wenn man die Wahrheit über sich selbst spricht wird man auf viel Widerstand, Zorn, Empörung und Verachtung stoßen. Aber nur wenn man die Wahrheit lebt und spricht, kann man frei sein. Gott möchte, dass wir die Wahrheit sagen:
Sacharja 8:16
Dies sind die Dinge, die ihr tun sollt: Redet nur die Wahrheit einer mit dem anderen! Fällt zuverlässigen und heilsamen Rechtsspruch in euren Toren.
Wir sind berufen, Gott in Wahrheit anzubeten:
Johannes 4:24
Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.
Wir sollen Gott in Wahrheit dienen:
Josua 24:14
So fürchtet nun den HERRN und dient ihm in Aufrichtigkeit und Treue! Und tut die Götter weg, denen eure Väter jenseits des Stroms und in Aegypten gedient haben, und dient dem HERRN!
Wir werden aufgefordert, die Wahrheit zu lieben:
Sacharja 8:19
So spricht der HERR der Heerscharen: … Doch die Wahrheit und den Frieden liebt!
Wir sollen uns an der Wahrheit freuen:
1 Korinther 13:6
Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit.
“Truth authenticates, it validates, it is right, fair, and just.”
“The real purpose of truth is to bring us closer to the God of Truth.”
(William Law)
Vereinbarkeit von öffentlichen und privatem Leben sind Ausfluss von Wahrheitsliebe und Echtheit. Coming-out gibt dem Ausdruck.
Ich kenne den Schmerz über sterbende Illusionen, aber ich weiß auch, wie befreiend und belebend es ist, wenn an ihre Stelle Träume treten, die sich verwirklichen lassen.
(Aus einem Coming-outbrief)
Coming-out und Identitätsbildung eines Menschen:
Andreas Frank sagt in “Engagierte Zärtlichkeit”:
Der Sinn des Lebens besteht darin Spuren zu hinterlassen, d.h. in seiner Identität greifbar zu sein, die sexuelle Identität nicht ausgeblendet zu lassen, sondern dazu zu stehen. Wer sich verhüllt, die Spuren im Sand wieder verwischt, nicht zu seiner Identität steht, wird sein Leben niemals als sinnvoll, sondern als sinnlos und deprimiert empfinden.
Es ist also wichtig, uns unserer ganzen Identität bewusst zu sein. Dies geschieht im Coming-out. Weiter sagt er:
Identität gipfelt daher in der Stellungnahme des Individuums zu sich selbst. Identität heißt zu sich zu stehen und sich nicht immer wieder vor anderen auf die Flucht zu begeben, sich nicht durch andere verfolgt zu fühlen oder in andere Ersatzwelten (Theaterwelt, Computer, Sport, Wissenschaft) zu flüchten. Identität ist, sich um Dialog mit anderen selbst einzubringen, wer man ist, aber auch die Erwartungen der anderen zu managen, um eine Synthese, einen Kompromiss beider Aspekte zu erreichen.
Es ist also nicht nur wichtig, sich selbst bewusst zu sein, wer man ist. Es ist wichtig, seine Identität anderen zu offenbaren. Coming-out bedeutet sich eine Identität zu erarbeiten. Andreas Frank:
Erarbeitete Identität: Sie umfasst die Elemente der Identitätsbildung, die man kraft eigener Bemühungen und Anstrengungen erlangt hat. Wer seine Art schwul zu sein durchdenkt und bewusster entscheidet, was und wie er sein will, bildet unter besonderen eigenen Anstrengungen eine Identität. Man legt sich auf Werte, Einstellungen, Verhaltensweisen und ein “Sich-schwul-geben” nach eigenen Vorstellungen fest die selbst aus einer breiteren Fülle herausgewählt wurden. Der kognitive Stress ist reflexiv und kognitiv sehr komplex. Im Intimitätsbereich besteht die Fähigkeit zu tiefen Beziehungen, nicht-defensive Stärke kann gezeigt werden und der Einsatz für andere ohne Eigennutz tritt verstärkt auf.
Coming-out hat auch andere positive Resultate:
Schwule und Lesben entwickeln und besitzen eine differenziertere kognitive Struktur, die ihnen mehr Kompetenzen ausweisen läßt als heterosexuelle Menschen. Da gleichgeschlechtlich empfindende Menschen reflexiv werden müssen, ereignet sich ein “erhöhtes kognitives Geschehen”. Die Kompetenzen zeigen sich in vielfältigen Aspekten: der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zum Um-die-Ecke-denken, im Humor (der z.T. darauf beruht), zu einer differenzierten Wahrnehmungsfähigkeit. zu Einfühlungsvermögen und Empathie, in Gelassenheit und genereller menschlicher Reife aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie im Lauf ihrer Entwicklung gewinnen durften; schnelle Anpassungsfähigkeiten, soziale Kompetenz, u.s.f.
Sich nicht zu outen kann katastrophale Folgen haben. Oft heirateten nicht-geoutete Schwule oder Lesben in der Hoffnung, dass sie dadurch heterosexuell werden. Nicht allein bleiben sie schwul, bzw. lesbisch, sie tun ihren Partner auch ein großes Unrecht an. Nur jemand, der sich geoutet hat, kann ein Leben der Integrität leben – und das Leben der Integrität ist das einfachste und vollste Leben.
Viele tragen vor ihrem Coming-out Masken, die sie fürchten abzulegen. Und keine davon sind sie. Sie machen den Eindruck, als seinen sie umgänglich, als sei alles heiter in ihnen und als bräuchten sie niemanden – ihr Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist eine Maske, darunter sind sie in Furcht und allein. Aber das verbergen sie hinter einer verzweifelten Maske als lässige Fassade, die sie vor dem wissenden Blick sichert, der sie erkennt. Dabei wäre gerade dieser Blick ihre Rettung. Wenn es jemand wäre, der sie annimmt und sie liebt. Sie haben Angst davor, abgewiesen zu werden. Und so spielen sie ihr verzweifeltes Spiel, eine sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen. Sie bitten: “Höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was ich gerne sagen möchte, was ich aber nicht sagen kann.” Sie möchten wirklich echt und spontan sein können. Jedes mal, wenn wir sie versuchen zu verstehen, bekommt ihr Herz Flügel. Die Kraft des Verstehens gibt ihnen Leben, die Befreiung aus der Einsamkeit. Aber es sind oft dicke Mauern: Sie wehren sich gegen das, wonach sie schreien. Je näher wir ihnen kommen, desto blinder schlagen sie zurück. Aber Liebe ist stärker als jeder Schutzwall. Darauf müssen wir setzen.
(Engagierte Zärtlichkeit / Andreas Frank)
Der Prozess des Coming-out
Coming-out durchläuft mehrere Phasen.
1. Vor dem Coming-out
versucht die Psyche mit der Homosexualität durch unbewusste Verdrängung oder durch bewusste Unterdrückung fertig zu werden. Diese Verdrängung/Unterdrückung kann psychische Probleme, wie z.B. Depressionen zur Folge haben.
2. Coming-out zu sich selbst:
Dies ist die wichtigste Phase und wesentlich für die eigene seelische Gesundheit. Es ist ein Versuch, die Wahrheit über sich zu entdecken und die falsche heterosexuelle Programmierung zu entfernen. Man tut dies indem man über das Thema liest – und man braucht nicht Pornographie zu lesen. Viele Information ist auf dem Internet zu finden.
3. Coming-out zu anderen Lesben und Schwulen:
Die psychologische Unterstützung die die meisten Heterosexuellen von ihrer Familie bekommen, erhalten Lesben und Schwule von anderen Lesben und Schwulen. Wenn man Schwule und Lesben kennen lernt und es einem bewusst wird, dass sie eigentlich ganz normale Menschen sind, dann erkennt man auch oft, dass die Einwände von Heterosexuellen oft nur Haßpropaganda ist. In vielen Städten gibt es lesbische und schwule Gruppen, die sich um politische, soziale und kulturelle Aspekte des Gayseins kümmern. Man kann auch gute Beziehungen zu anderen Lesben und Schwulen durch das Internet aufbauen, z.B. durch E-mailfreundschafen und Chat.
4. Coming-out zur Öffentlichkeit:
Vor diesem Schritt hat man als Lesbe oder Schwuler die meiste Angst, denn nun geht es um Beziehungen zu Menschen, die einem wichtig sind und die man liebt. Hier steht man vor einem großen Risiko: Werden die anderen mich akzeptieren oder werden sie mich verwerfen? Es ist gut sich der Öffentlichkeit – der Familie, Freunden, Kollegen, Gemeindemitgliedern, u.s.w. zu outen. Aber man sollte niemals dazu gezwungen werden. Gezwungenes Outing ist nicht nur gegen das Recht auf Privatheit, sondern es kann auch so traumatisch sein, dass es zu Selbstmord führt.
In der modernen westlichen Kultur ist es einfacher als vor 30 Jahren sich zu outen. In der afrikanischen Kultur ist dies noch sehr schwierig. Jedes Coming-out bricht Vorurteile nieder und macht es für den Nächsten einfacher sich zu outen, frei zu sein von Lüge und Verborgenheit, frei zu sein was man ist.
Mit dem Coming-out muss man allerdings vorsichtig sein, denn viele Menschen können verletzt werden. Man hat z.B. eine gute Freundin. Man hat keine sexuelle Beziehung zu ihr. Aber sobald es bekannt wird, dass man lesbisch ist, fangen die Spekulationen über ihre Sexualität an. Sie wir “guilty by association.” Haben sie, oder haben sie nicht? Es ist schon schlimm genug, wenn man wegen seiner eigenen Sexualität mit Homophobie konfrontiert wird. Noch schlimmer ist es, wenn heterosexuelle Menschen mit Homophobie und Nachrede konfrontiert werden. Darum muss man sein Coming-out gut planen.
Das Coming-out ist zuerst meistens zu einer Person, der man vertraut, von der man weiß, dass sie einen bedingungslos liebt. Diese Person hat eine große Verantwortung. Geschenktes Vertrauen sollte niemals zurückgewiesen werden, sondern der sich Anvertrauende sollt, wie man selbst auch dazu stehen mag, angenommen werden, wie er ist (denn er bleibt der Alte, so wie er bisher war, nur mit neuen Möglichkeiten)
(Engagierte Zärtlichkeit /Andreas Frank)
Jeder Mensch, der mit Homosexualität konfrontiert wird – die eigene oder die eines anderen Menschen – geht während des Coming-outprozesses durch mehrere Schritte:
Schritt 1: Verleugnung – “Es kann nicht sein.”
Man überwindet diese Phase indem man es zulässt mit der Wahrheit konfrontiert zu werden.
Schritt 2: Erklärung
Man fragt sich: Warum? Was verursacht es? Eltern fragen sich oft, ob sie etwas falsch gemacht haben. Es ist der Schritt, in dem man sich über Homosexualität informiert.
Schritt 3: Reparatur, Heilung
Christen erbeten sich oft Gottes Hilfe. Sie wollen ihm gefallen. Ein anderer Weg ist Psychotherapie, aber die meisten Psychologen/Psychiater sind schon lange zum Schluss gekommen, dass Homosexualität keine Krankheit ist und dass es nichts gibt, was aus einen Schwulen oder einer Lesbe einen Heterosexuellen macht.
Schritt 4: Trauer
Man ist zu dem Punkt gekommen, wo man zwischen zwei Arten des Todes wählen muss. Dies hat Trauer zur Folge. Z.B. die Eltern einer Lesbe müssen wählen zwischen:
- “Wenn du lesbisch bleibst kannst du nicht mehr unsere Tochter bleiben.” Dies haben viele Eltern und Gemeinden getan.
- Der Tod der eigenen Ignoranz, Vorurteile, Ansichten, Einstellungen und Mißverständnisse – man trauert dem Verlust einer einfachen, simplen Weltanschauung nach.
Mit diesen Verlusten geht auch der Verlust der Träume und Hoffnungen auf ein gewöhnliches Glück, z.B. Ehe, Kinder. Man weiß, dass Ausstoßung Teil des Lebenswegs eines Schwulen oder einer Lesbe sein wird.
Schritt 5: Akzeptanz
Bei diesem Schritt kann man das bekannte Gebet beten:
Herr, gebe mir Gelassenheit zu akzeptieren was ich nicht ändern kann, gebe mir den Mut zu ändern, was ich ändern kann und die Weisheit, den Unterschied zu erkennen.
Man akzeptiert die Dinge, die man nicht ändern kann, z.B. Homosexualität und man versucht, die Dinge, die man ändern kann, z.B. Ignoranz über Homosexualität, zu ändern.
Schritt 6: Feier
Wie man diesen Schritt geht, hängt davon ab, was die persönliche Ansicht über Homosexualität ist. Es gibt vier Möglichkeiten über die man nachdenken muss:
a. Man kann sagen, dass Homosexualität eine bewusste und trotzige Rebellion gegen die Gesetze Gottes und der Natur ist. Dann ist das Praktizieren Sünde und man muss sich Gedanken machen über das Gericht Gottes, über sein Angebot der Gnade und über Buße. Aber ist Homosexualität Rebellion und Sünde?
b. Man kann sagen, dass Homosexualität eine Krankheit ist wie z.B. Alkoholismus, wo eine Gebundenheit und Abhängigkeit durch Abstinenz gebrochen wird. Zölibat ist die Antwort. Aber ist Homosexualität eine Krankheit?
c. Man kann sagen, dass Homosexualität eine Behinderung ist, etwas, dass nie in Gottes Willen lag, aber etwas, was dennoch passiert – eine Folge des Sündenfalls, wie z.B. geistliche Behinderung. Der Schwule oder die Lesbe ist Opfer der gebrochenen Welt. Man muss ihnen also mit Nachsicht begegenen und ihnen helfen, so, wie man z.B. einem Krüppel hilft indem man ihm einen Rollstuhl gibt. Ist Homosexualität eine Behinderung?
d. Man kann sagen, dass Homosexualität eine weitere natürliche Möglichkeit ist, einen dieser schönen Unterschiede, die wir oft als Kontrapunkt zum Normalen erleben, z.B. Linkshändigkeit. Wenn Homosexualität dies ist, kann man es feiern.
Unglücklicherweise gibt es niemanden, der mit Gewissheit sagen kann, welche dieser Möglichkeiten die wahre, die Gottgewollte ist. Man kann nur um Offenheit und Ehrlichkeit beten.
5. Integration:
Man bezeichnet sich selbst als vollwertiges Mitglied seiner Gesellschaft. Beziehungen sind oft sehr harmonisch und erfolgreich.
6. Besondere menschliche Reifung
Die Erfahrungen, die man durch sein Coming-out gemacht hat, werden weitergegeben. Man kann seine Sexualität relativieren, d.h. sie ist lediglich ein Aspekt des eigenen Lebens neben vielen anderen.
Coming-out ist ein lebenslanger Prozess. Immer wieder gibt es Menschen, die mit dem Lesbischsein konfrontiert werden müssen.
So mancher scheitert an der Frage: Warum so und nicht anders? Warum ich und nicht der? Warum gerade jetzt und nicht ein anderes Mal? Lass dir sagen, dass diese Fragen ohne Antwort
sind. Denn wenn es einen Sinn gibt, so sind wir Menschen mit unseren geringen Mitteln niemals in der Lage, diesen Sinn zu verstehen, darum ist eine solche Frage müßig. Gehe deinen Weg gut. Ein Mensch, der geht, ist unterwegs. Jeder andere bewegt sich nicht. Wer sich aber nicht bewegt, ist tot. Du bist allein wie jeder andere auf dieser Welt. Doch wenn du dich den anderen geöffnet hast, wirst du deine Einsamkeit teilen. Und sie ist nicht mehr eine Last, welche dich zu erdrücken droht. Du hast nun die Wahl zwischen vielen Wegen. Doch welcher es auch immer sein mag, den du gehst: gehe ihn mit deinem ganzen Herzen. Zu lange hast du nun schon gesucht. Nun gib das Suchen auf und lerne finden. Steh zu dir, denn du bist das Wertvollste, das du auf dieser Welt hast.
(Heinz Körner)
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22. Mai 1998

